»Tot« ist nicht tot genug: Forscher auf den Spuren von »Zombie-Genen«

Andreas von Rétyi

Wissenschaftler der Washington-Universität haben jetzt erstmals verblüffende Aktivitäten von Genen in toten Tieren entdeckt. Das könnte die Definition des Todes revolutionieren und etliche heiße Diskussionen nach sich ziehen, denn die Konsequenzen wären enorm.

 

Eigentlich scheint alles ganz einfach: Ein Lebewesen stirbt. Es ist tot. Wirklich? Wann ist ein Tier, wann ein Mensch tatsächlich »tot«? Was ist der sichere Indikator für das Ende aller wesentlichen Lebensfunktionen? Gerade im Zeitalter von Organspende und Organtransplantation ganz entscheidende Fragen. Schnell wird die Sache dann kompliziert. Die aktuellsten Entdeckungen werfen ein völlig neues Licht auf dieses Problem, das sich nun noch problematischer gestaltet.

Wie Forscher jetzt berichten, werden Hunderte von Genen erst nach dem Augenblick aktiv, der allgemein als Todeszeitpunkt bestimmt wird. Dabei geschieht alles in einer sehr geordneten Abfolge von Ereignissen. Und so scheint der Tod sein eigenes Leben zu entfalten.

Die amerikanischen Wissenschaftler rätseln nun, warum das so ist. Bei der Untersuchung toter Mäuse und Zebrafische stießen sie auf jenes Geheimnis. In den Medien ist bereits von »Zombie-Genen« die Rede. Viele dieser Gene beginnen rund eine halbe Stunde nach dem Tod des Tieres, messbar aktiv zu werden. Bei anderen Genen dauert es zwischen 24 und 48 Stunden, bis sie plötzlich »erwachen«.

Ein makabres Ballett auf Molekülebene, ein Totentanz der ganz besonderen Art. Die US-Experten um Peter Noble konnten feststellen, dass der ganze Spuk erst vier Tage nach dem Todeseintritt vorüber ist. Zumindest nach aktueller Erkenntnis. Wer weiß, was noch folgt.

Und da ist sie dann wieder, die drängende Frage, wann ein Lebewesen wirklich tot ist. Im Jahr 1968 gab die medizinische Diagnostik darauf eine recht konkret wirkende Antwort. Man sprach nun vom »Hirntod«. In präzisierter, heute noch gültiger Fassung lautet diese »Todesformel«: »Der Hirntod wird definiert als Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Durch kontrollierte Beatmung wird die Herz- und Kreislauffunktion noch künstlich aufrechterhalten.« Dabei ist es wichtig zu wissen, dass Organe nur Menschen entnommen werden dürfen, deren Herz noch schlägt.

Kritische Ärzte sprechen hinsichtlich der Hirntoddefinition sogar von arglistiger Täuschung, da ein Sterbender eben längst noch kein Toter sei. Und da der Herztod in einigen Fällen sogar erst überein Jahrzehnt nach dem Hirntod erfolgte, scheint diese Kritik durchaus gerechtfertigt. Jetzt aber stellen sich weitere Fragen.

Zwar gelten die aktuellen Ergebnisse bislang als unbestätigt, da ihre Publikation in einem renommierten Fachblatt noch aussteht. Ein wirklich zuverlässiges Kriterium für oder gegen die Seriosität einer Arbeit wäre dies, nebenbei gesagt, allerdings nicht. Wie dem auch sei, die entdeckten Hinweise werden sicherlich noch einige Aufmerksamkeit und Diskussion nach sich ziehen.

Die Forscher begannen ihre Messungen unmittelbar nach dem Tod des jeweiligen Lebewesens. Sie untersuchten dabei die Gen-Aktivität und deren allgemeines Abklingen, indem sie die Menge anwesender Boten-RNA (messenger RNA) ermittelten. Sie wird auf der genetischen Ebene vom Organismus unter anderem genutzt, um Proteine zu produzieren. Je mehr von dieser mRNA vorhanden ist, desto aktiver die Gene.

Überrascht stellten die Wissenschaftler fest, dass mRNA, die mit 548 Zebrafisch-Genen und mit 515 Mäuse-Genen in Verbindung steht, in der Beobachtungsspanne tatsächlich einen oder sogar mehrere Aktivitätsgipfel nach dem Tod eine Tieres erreichte. Somit stand genügend Energie zur Verfügung, die Zellfunktionen waren ausreichend intakt, um diese Gene einzuschalten und noch viele Stunden nach dem festgestellten Tod im »Betriebsmodus« zu halten.

Wo die restliche DNA ein eher chaotisches Verhalten zeigte, folgten diese speziellen Gene einem ganz bestimmten, geordneten Schema. Es waren Gene zur Steuerung verschiedener Körperfunktionen; interessanterweise auch fetale Gene, die gleich nach der Geburt eines Individuums abgeschaltet werden, um dann während seines gesamten Lebens zu schlummern.

Erst jetzt stellt sich also offenbar heraus, dass genau diese fetalen Gene nach dem Tod wieder tätig werden, was gespenstisch genug erscheint. Ebenso gespenstisch auch, dass gerade Gene, die mit Krebs in Verbindung stehen, gleichfalls erwachen und rund 24 Stunden nach dem Tod ihre maximale Aktivität entfalten.

Die US-Forscher gehen davon aus, dass sich vergleichbare Vorgänge auch im menschlichen Körper abspielen. Molekularbiologen haben bereits früher festgestellt, dass einige Gene noch Stunden über den Tod hinaus aktiv bleiben, was also in eine ähnlich verblüffende Richtung posthumer »Lebensaktivität« steuert. Menschen, die an Herzattacken, multiplen Traumata oder Ersticken starben, wiesen noch zwölf Stunden nach dem festgestellten Tod eine deutliche Aktivität solcher Gene auf, die für die Kontraktion des Herzmuskels und für die Wundheilung zuständig sind.

Natürlich drängt sich die Frage auf, warum Gene nach dem Tod nicht nur über Stunden oder Tage hinweg in Funktion bleiben, sondern sogar beginnen, neue Aktivität zu entfalten. Die Wissenschaftler können gegenwärtig nur darüber spekulieren. Einige Gene beziehen ihre »Vitalität« wohl aus den letzten verfügbaren Ressourcen, weil der absterbende Organismus auf molekularerEbene den Verfall gleichsam als schwere Verletzung oder Erkrankung registriert.

Auf dieser Ebene liefe demnach alles genau so weiter, als wäre der Körper noch am Leben. Außerdem verfallen Suppressor-Gene nun aber in den ewigen Todesschlummer, sodass sämtliche bisher von ihnen im Zaum gehaltenen Gene plötzlich die Oberhand gewinnen. So auch Krebs-Gene. Immerhin naheliegende Möglichkeiten.

Was auch immer wirklich geschieht, es demonstriert überdeutlich, dass die Experten sich hinsichtlich ihrer Todesdefinition möglicherweise sehr entscheidend irren. So dürften mit dem letzten Moment des irdischen Daseins noch viele Geheimnisse verbunden sein. Eher profan, aber sicher nicht unbedeutend werden die neuen Ergebnisse auch für Forensiker sein. Sie könnten mit solchen Genen ein neues, mächtiges Instrument an die Hand bekommen, den »Todeszeitpunkt« weit genauer als bisher zu bestimmen.

Doch genau um ihn wird es eben wieder verstärkt gehen müssen. Ist dies wirklich der Moment, an dem die Hirnfunktionen zum Erliegen kommen, der Herzschlag endet und die Atmung stoppt? Wenn Gene noch 48 Stunden nach dem »herkömmlichen« Tod aktiv sind, lebt ein Mensch dann also faktisch noch? Peter Noble kondensiert das Problem vorläufig auf die eher knappe Feststellung: »Selbstverständlich wird das Studium des Todes neue Informationen über die Biologie des Lebens liefern.«

Allerdings spielt die Diskussion um den wahren Todeszeitpunkt gerade heute eine wesentliche Rolle. Sie muss im Mittelpunkt stehen, sobald es um Organtransplantationen geht. Das Wissenschaftsmagazin New Scientist stellte hierzu bereits vor Jahren eine alarmierende Entwicklung fest:

»Für tot erklärt zu werden, ist heute leichter als zu jeder anderen Zeit der menschlichen Geschichte. Die Standards sind so sehr gesenkt worden, dass Ihr Herz noch schlagen kann, Ihr Gehirn noch Hirnwellen aussenden kann und der Arzt Sie dennoch als Ex-Person erklärt.

Die gute Nachricht: Minimale Todeskriterien treffen auf nur ungefähr ein Prozent der Bevölkerung zu. Die schlechte Nachricht: Wenn Sie zu diesem einen Prozent gehören, könnten Sie unter Umständen lebend seziert werden.«

Genau deshalb steht ganz besonders zu hoffen, dass die neuen Erkenntnisse nicht leichtfertig beiseite gewischt werden – ob nun »peer-reviewed« oder nicht – und dass die Diskussion um den tatsächlichen Todeseintritt erneut aufgegriffen wird, um sie sehr ernst und verantwortungsbewusst weiterzuführen, um striktere Standards zu setzen.

 

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