Nofretete und das Grab des Tutanchamun: Ein neues Rätsel und eine spektakuläre These

Andreas von Rétyi

Der britische Archäologe Nicholas Reeves glaubt, dass im Tal der Könige ein weiterer archäologischer Sensationsfund bevorsteht: die Entdeckung des Nofretete-Grabes. Reeves vermutet es direkt hinter einer verborgenen Türe im Grab des Tutanchamun – das er lediglich für ein »Grab im Grab« hält.

 

Schon zu Zeiten von Howard Carter, dem Entdecker des »unversehrten« Grabes von Kindkönig Tutanchamun, waren einige Experten der Ansicht, all die Bemühungen seien umsonst. Im legendären »Tal der Könige« bei Luxor sei nichts mehr zu entdecken. Demnach schienen Carter und sein Finanzier, der Earl of Carnarvon, lediglich einem Phantom hinterherzujagen.

Tatsächlich verging eine kostspielige Grabungssaison nach der anderen, stets mit dem gleichen, niederschmetternden Resultat, das da lautete: wieder nichts, außer Sand, Schutt und Steinen.

Tonnenweise Material hatten die Archäologen bewegt und regelrecht durchsiebt, alles nach einem komplexen Raster abgesucht, bis die von Carnarvon beinahe schon abgelehnte letzte Kampagne gegen Ende 1922 schließlich den sensationellen Erfolg brachte – am Grab von Ramses VI. fanden die Archäologen endlich erste Spuren, entdeckten eine Treppe, die in die Tiefe führte, wo eine Hieroglypheninschrift sie geradezu mit der Nase auf das lange gesuchte Geheimnis stieß. Jetzt konnte Carter alle Neinsager auf ewig Lügen strafen. Und es kam noch besser: Das Grab war weitgehend unversehrt geblieben und enthielt »wunderbare Dinge«, wie sie Carter erstmals durch ein kleines Loch im unsteten Kerzenlicht erspähte. Dieses Grab gab nicht nur die Königsmumie preis, sondern auch den kostbarsten antiken Schatz, der je gefunden wurde, Gold beinahe überall, wohin das Auge blickte. Ein echter Jahrhundertfund.

Bis heute bleiben allerdings viele wesentliche Fragen offen. Selbst, wenn die entdeckten Schätze einzigartig waren, hatten viele Archäologen darauf gehofft, hier Papyrusrollen mit aufschlussreichen Texten vorzufinden, weitere Informationen über die altägyptische Kultur. Doch nichts dergleichen. Andererseits zirkulierten kurz nach der durch Carter und Carnarvon erfolgten, ebenfalls von einigenGeheimnissen umgebenen Graböffnung seltsame Informationen über entsprechende Funde, von denen später nie wieder die Rede war. Farbig gestaltete Schriftrollen, von denen keine Spur mehr zu finden war.

Ebenso gaben sowohl die sehr schlecht erhaltene Mumie als auch das Grab selbst vielerlei Rätsel auf, über die ganze Bücher geschrieben wurden. Vor allem blieb trotz aller Goldschätze die drängende Frage, warum der König in einem vergleichsweise sehr bescheidenen und eher schlampig gestalteten Grab bestattet worden war. Sein früher Tod kam sicherlich sehr unerwartet, daher glauben etliche Ägyptologen, dass schlichtweg Eile geboten war, alles für die Zeremonie vorzubereiten und die Grabstätte entsprechend schnell einzurichten. Dennoch konnten sich manche nicht mit der Fundsituation zufriedengeben. Wie ließen sich die Merkwürdigkeiten aufklären? Gab es dort noch weitere Geheimnisse?

Mittlerweile sind beinahe 100 Jahre seit dem archäologischen Sensationsfund verstrichen. Immer noch wurde wiederholt behauptet, im Tal der Könige sei nichts mehr zu entdecken, und immer noch gab es dort Überraschungen. Doch jetzt vermutet der gegenwärtig an der Universität Arizona tätige britische Ägyptologe Nicholas Reeves eine weitere Jahrhundert-Entdeckung, die sogar Carters Sternstunde in den Schatten stellen könnte. Wie kommt aber ein führender Ägyptologe dazu, eine derart weitreichende, so gewagte Behauptung in die Welt zu setzen?

Reeves beruft sich auf aktuelle, hochauflösende Radarscans der Nordwand in der Grabkammer des Tutanchamun. Sie zeigen Merkmale einer mit Steinen verschlossenen Türe, direkt unter den farbigen Wandmalereien. Seiner Ansicht nach führt sie unmittelbar zur eigentlichen Grabkammer, in der er die Mumie der Nofretete vermutet. Tutanchamuns Grab sei lediglich als eine Art Anhang gestaltet worden, worauf es verschiedene archäologische Hinweise gebe.

Demnach wäre die eigentliche Sensation völlig im Glanz der ersten Funde verloren gegangen. Man hatte Tutanchamun und den grandiosen Grabschatz gefunden, noch mehr erwartete niemand. Keiner dachte daran, weiter im Fels noch größere Kammern zu entdecken. Doch laut Reeves darf genau damit allen Ernstes gerechnet werden. Insgesamt fand er bisher Hinweise auf zwei»Geistertüren«.

Aus seiner Kenntnis der altägyptischen Grabanlagen jener Zeit geht er davon aus, dass eine davon hinein in einen Lagerraum führt, die andere in die Grabkammer der großen Königin, jener berühmt schönen Herrin der beiden Länder Unter- und Oberägypten, der Gemahlin des geheimnisvollen Ketzerkönigs Echnaton und Mutter von Tutanchamun.

Sicher, da gibt es jene Mumie aus dem Grab KV 35, die als »jüngere Dame« (»Younger Lady«) bekannt ist (KV35YL), 1898 entdeckt vom französischen Ägyptologen Victor Loret. Und sicher, im Jahr 2010 durchgeführte DNA-Analysen sollen beweisen, dass sie die Mutter Tutanchamuns ist. Andere bezweifeln allerdings die Zuverlässigkeit dieser Identifikation und gehen davon aus, dass in Wirklichkeit keine andere als Nofretete selbst die Mutter des »Goldenen Gottes«, jenes Kindkönigs Tutanchamun war.

Trotz ihrer Berühmtheit wurden sowohl Mumie und als auch Grabstätte Nofretetes bis heute nicht entdeckt, ganz so wie im Fall ihres Gemahls, was wohl den Wirren jener Zeit zuzuschreiben ist,ausgelöst durch Echnatons völlige Abkehr vom alten Glauben und seiner Hinwendung zu einem monotheistischen Sonnenkult. Nofretete verstarb im Jahr 1340 v. Chr. und somit beinahe zwei Jahrzehnte vor Tutanchamuns plötzlichem Tod. Somit scheint gut möglich, dass sie ihre letzte Ruhestätte im Tal der Könige fand, gut verborgen in einem tief in den Fels gehauenen Grab, dem später das Grab ihres Sohnes hinzugefügt wurde.

Die Theorie würde besser verstehen lassen, warum dessen Ruhestätte lediglich die Größe einer Vorkammer besitzt, anstatt der typischen Maße eines Königsgrabes. Es wäre lediglich ein Grab innerhalb eines Grabes. Wenn Dr. Reeves den richtigen Riecher besitzt, ruht hinter den »Geistertüren« Tutanchamuns eine noch weit größere Sensation, ein vielleicht in dieser Form noch nie da gewesener Grabfund. Die Malereien an der Wand im lediglich ergänzten Grab könnten weit mehr eine rituelle Schutzfunktion für die Stätte dahinter darstellen als für die bisher bekannten Räumlichkeiten. Reeves verweist darauf, dass die Grabkammer rechts des Eingangsschachtes angelegt wurde. Dies sei weitaus typischer für altägyptische Königinnen als für Könige.

Die britische Ägyptologin Joyce Tyldesley von der Universität Manchester könnte sich zwar vorstellen, dass Reeves tatsächlich eine heiße Spur gefunden hat, und so erklärt sie: »Es wäre nicht überraschend, sollte das Grab darauf ausgelegt sein, zusätzliche Räume zu besitzen.« Sie schränkt aber gleich ein: »Wie weit allerdings die Erbauer dabei kamen, ist angesichts der gegenwärtigen Beweislage schwer zu sagen. Ich wäre sehr überrascht, sollte dieses Grab errichtetworden sein, um als ursprüngliche oder erste Grabstätte für Nofretete zu dienen. Es scheint mir eher höchstwahrscheinlich, dass sie während der Regentschaft ihres Gatten verstarb und somit in Amarna, der von Echnaton spezifisch erbauten Stadt in Mittelägypten bestattet wurde. Aber ich würde erwarten, dass sie nicht im Zentrum, sondern irgendwo im westlichen Tal der Könige zur letzten Ruhe gebettet wurde.«

Dr. Reeves betont seinerseits: »Jedes Beweisstück ist für sich allein genommen nicht überzeugend. Setzt man aber alles zusammen, lässt sich meine Schlussfolgerung kaum vermeiden. Falls ich mich irre, dann irre ich mich eben. Wenn ich aber recht habe, dann ist das wohl die potenziell größte archäologische Entdeckung, die je gemacht wurde.« Noch weiß niemand, was hier bevorsteht. Die Meinungen gehen teils weit auseinander, doch um Tutanchamuns Grab dürfte es in der nächsten Zeit durchaus wieder spannender werden!

 

 

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