Die mysteriösen Sterne des Kitora-Grabes: Älteste Himmelskarte der Welt?

Andreas von Rétyi

Wie die japanische Behörde für Kulturangelegenheiten vor wenigen Tagen bekanntgab, basiert eine im antiken Asuka gefundene Sternkarte auf weit früheren chinesischen Beobachtungen und wird nun als die weltweit älteste existierende Himmelsdarstellung ihrer Art eingestuft.

Das unscheinbare Kitora-Grab befindet sich im kleinen Ort Asuka, das der japanischen Nara-Präfektur angehört. Archäologen stießen im Jahr 1983 auf diese Grabstätte, die wohl irgendwann zwischen dem 7. und 8. Jahrhundert errichtet wurde. Die steinerne Kammer besitzt bescheidene Ausmaße, die gerade Platz für einen Sarkophag bieten.

 

Und doch, dieser winzige Tumulus birgt eine archäologische Besonderheit. Wer in die nur wenig mehr als einen Meter hohe Kammer hineinkriecht, dem wird zunächst natürlich auffallen, dass die Erbauer einer alten Tradition folgend einen eindeutigen Bezug zum Sternenhimmel herstellten. Ein Blick auf den Kompass belegt die Ausrichtung der vier Wände nach den Himmelsrichtungen.

Die Wandmalereien heben diese Orientierung hervor: Da findet sich die Schwarze Schildkröte des Nordens, der Blaue Drache des Ostens, der Rote Vogel des Südens und der Weiße Tiger des Westens. Mischwesen mit menschlichen Körpern und Tierköpfen spiegeln den Zodiak wider, die bemalten Flächen gelten als die möglicherweise ältesten Tierkreiswände im ostasiatischen Raum.

Diese fantastischen Darstellungen, die bereits 1983 bei ersten Sondierungen des Grabes entdeckt wurden, werden ergänzt durch eine Sternkarte an der Decke, die das Grab in ein antikes Planetarium verwandelt und bereits für einige Kontroversen gesorgt hat. Auf die Himmelsdarstellungstießen Archäologen erst 1998 bei einer weiteren Sondierung.

Wann ist diese Sternkarte wirklich entstanden und wo liegen ihre Wurzeln? Wer vermaß damals den Himmel und bildete ihn so präzise ab? Da gibt es faszinierende Details. Insgesamt 68 Sternbilder zieren die Decke, goldene Scheiben markieren die einzelnen Sternpositionen. Drei konzentrische Kreise reflektieren die Bewegung verschiedener Himmelskörper, ein weiterer Kreis den Weg der Sonne.

Die antiken Kartografen markieren Horizont, Himmelsäquator und Ekliptik, Großkreise, wie sie auch in modernen Sternkarten verzeichnet sind. In dieser Genauigkeit sei dies einzigartig für ein antikes Werk – und so hält Professor Kazuhiko Miyajima von der japanischen Doshisha-Universität diese Darstellung für die älteste astronomische Karte ihrer Art, und zwar weltweit, obwohl sich das Alter bisher noch längst nicht mit ausreichender Genauigkeit feststellen ließ. Im Gegenteil, die Expertenmeinungen weichen auch in diesem Fall deutlich voneinander ab.

Außerdem gibt es wesentlich ältere Sternkarten, sei es die auf ein Alter von rund 4000 Jahren geschätzte Himmelscheibe von Nebra, die unter anderem eindrucksvolle Details zu den Sonnenwenden aufweist, oder auch der in jedem Fall aus vorchristlicher Zeit stammende Tierkreis von Dendera, Ägypten. Und selbst auf den wohl über 17 000 Jahre alten Höhlenzeichnungen von Lascaux sind einzelne Sternanordnungen und Konstellationen zu finden – die Sternbilder Stier undOrion oder auch der offene Sternhaufen der Plejaden.

Die Karte des Kitora-Grabes enthält allerdings erstaunlich viele Details und wichtige astronomische Markierungskreise. Und das hebt sie hervor.

Was aber die Fachleute zu ihrer besonderen Verblüffung fanden: Diese mysteriöse Karte passt nicht zum Fundort und auch nicht zur Fundzeit!

Mitsuru Soma ist Assistenzprofessor für Astronomie am National Astronomical Observatory of Japan (NAOJ). Er und sein Fachkollege Tsuko Nakamura vom Institut für Orientstudien an der Daito-Bunka-Universität schlossen sich mit der japanischen Behörde für Kulturangelegenheiten und einer weiteren Forschungsinstitution zusammen, dem Nara National Research Institute for Cultural Property, um auszurechnen, welche Epoche und welche geographische Region sich mit denDarstellungen der Sternkarte deckt.

Die beiden Forscher arbeiteten unabhängig voneinander und stellten fest, dass die Karte einige Jahrhunderte vor der Errichtung des Grabes erstellt und dann übernommen worden sein muss. Und zwar in China, etwa auf dem 34. Breitengrad, in einer Gegend, wo heute Städte wie Xi’an und Luòyáng liegen.

Was die Entstehungszeit betrifft, sind sich die beiden Wissenschaftler allerdings überhaupt nicht einig. Immerhin, beide zeigen sich von einem wesentlich höheren Alter überzeugt: Soma datiert die Karte auf die Zeit zwischen etwa 240 und 520 n. Chr., Nakamura glaubt an einen noch deutlich früheren Ursprung – zwischen 120 und 40 v. Chr. Seine Datierung deckt sich zwar mit der Ansicht von Professor Miyajima, der das Jahr 65 v. Chr. als wahrscheinlichsten Termin nennt.

Allerdings findet er den Sternenhimmel der Karte in einer ganz anderen Region wieder: Er hält Pyongyang in Nordkorea und ebenso auch Seoul in Südkorea für denkbar. Damit liegt er zwischen drei und fünf Breitengraden oberhalb der Ergebnisse seiner Kollegen. Ob sich Ort und Zeit wirklich so genau bestimmen lassen, bleibt ohnehin zu bezweifeln. Vom gleichen Breitengrad aus betrachtet, gleicht sich auch der Himmelsanblick.

Zu guter Letzt: Lässt sich überhaupt feststellen, wer in dem Grab lag und woher er möglicherweise einst kam? Leider gibt es auch hier nur wenig Anhaltspunkte. Das Grab wurde bereits geplündert, der lackierte Sarg geöffnet. Es enthielt lediglich einige Grabbeigaben und Knochenfragmente. Von den wenigen gefundenen Artefakten sticht ein goldenes Fragment hervor sowie Teile eines dekorierten Schwertes.

Daraus schließen die Archäologen recht zügig auf einen erwachsenen Verstorbenen mittleren bis hohen Alters, eine Person möglicherweise aristokratischer Abstammung. Doch sicher ist hier nichts. Vielleicht gibt es aber noch einiges in dem kleinen, aber doch einzigartigen Grabhügel zu entdecken. Vielleicht wird dann auch klar, wer hier wann zur letzten Ruhe gebettet wurde.

 

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