Mysteriöses Leuchten auf dem Mond: Lichtphänomene in der Kraterwelt

Andreas von Rétyi

Viele glauben, auf unserem Mond gibt es keine Geheimnisse mehr. Eine längst erstarrte, öde Welt, auf der sich auch längerfristig nichts ändert und die von den Apollo-Missionen und unbemannten Raumsonden bereits ausreichend erforscht wurde. Weit gefehlt! Über den Erdbegleiter wissen wir noch immer recht wenig. Auch wenn es dort um merkwürdige Leuchterscheinungen geht, hat die Wissenschaft wenig sichere Antworten parat. Lange stellte sie sogar die Realität solcher Erscheinungen in Frage. Nun wollte eine Forschergruppe eines der lunaren Phänomene erklären – und stieß dabei auf ein neues Geheimnis.

 

Während der Apollo-15- und -17-Missionen Anfang der 1970er-Jahre meldeten NASA-Astronauten ein merkwürdiges Glühen über dem Mondhorizont, das unmittelbar vor dem Sonnenaufgang über der Kraterwelt auftrat. Der so unerwartete wie faszinierende Anblick beschäftigte die Astronauten nachhaltig, doch mehr als eine vage Interpretation konnten sie natürlich auf Anhieb nicht bieten: Ihrer Ansicht nach musste da eine Staubwolke meilenweit über ihnen existieren und das Sonnenlicht streuen – ein Effekt, ähnlich wie beim schwachen Zodiakallicht. Das Mysterium der »Apollo-Wolke« blieb über Jahrzehnte buchstäblich ungeklärt im Raum stehen.

Auch andere Mondphänomene sträubten sich bislang beharrlich gegen jede sichere Erklärung. Schon seit 1540 berichten Beobachter immer wieder von ungewöhnlichen Lichterscheinungen auf dem Mond.

Sie zeigten sich bei schmalem Sichelmond auf der übrigen, lediglich schwach im »aschgrauen Licht« leuchtenden Kugel oder auch bei Finsternissen. Doch teleskopische Beobachter registrierten später ebenfalls immer wieder seltsame punktuelle Veränderungen auf der Mondoberfläche.

Seitdem wurden diese »vorübergehenden lunaren Phänomene« (Transient Lunar Phenomena, TLP), auch kurz als »Moonblinks« bekannt, häufiger beschrieben. Da tauchen plötzlich kleine Schatten oder auch Lichter auf, die manchmal lediglich ein paar Sekunden, ein andermal dann aber über Stunden hinweg zu sehen sind. Einige verändern ihre Farbe, häufig ist von rötlichen Lichtpunkten die Rede. Der berühmte deutsch-englische Astronom Wilhelm Herschel beschrieb im April 1787 selbst drei rote glühende Punkte, die er in einem unbeleuchteten Abschnitt des Mondes gesehen hatte, um nicht zu sagen: auf der dunklen Seite des Mondes.

Trotz rund 1500 bekannter Sichtungen wiegelte die Wissenschaft ab. Die meisten Forscher akzeptierten es nicht, einem realen Phänomen gegenüberzustehen. Sie verwiesen die Beobachtungen pauschal ins Reich der Irrtümer und optischen Täuschungen. Nach über 400 Jahren mussten sie diese Haltung dann allerdings gründlich überdenken: 1955 fotografierte der amerikanische Profiastronom Dinsmore Alter mit dem 1,5-Meter-Spiegelteleskop vom Mount Wilson aus ein eindeutiges TLP. Und am 2. November 1958 schließlich beobachtete der russische Astronom Nikolai A. Kozyrev den 121 Kilometer messenden Alphonsus-Krater mit dem 1,2-Meter-Reflektor des Astrophysikalischen Observatoriums auf der Krim und konnte damals sogar Spektren eines TLP aufnehmen, das sich am Zentralberg dieses großen Kraters ereignete.

Diese Sichtungen ließen sich kaum mehr von der Hand weisen. Heute steht absolut fest, dass die TLPs existieren. Nur ihre Ursache bleibt nach wie vor rätselhaft. Der tschechische Astronom Zdeněk Kopal erklärte, die leuchtenden Bereiche der Mondoberfläche könnten »als natürliche Wellenlängenwandler angesprochen werden, die hochenergetische Korpuskularstrahlung durch Lumineszenz in sichtbares Licht transformieren.« Diese Strahlung trifft von der Sonne her ein.

Andere hielten das mysteriöse Leuchten eher für Meteoriteneinschläge oder lunare Restentgasungen. Da die TLPs nicht gleichmäßig über die Mondoberfläche verteilt, sondern ineinigen Regionen deutlich bevorzugt vorkommen, vor allem im Krater Aristarchus, wo rund 30 Prozent von ihnen registriert wurden, vermuten die meisten Astronomen heute einen geringen Restvulkanismus auf dem Mond als eigentliche Ursache. Dabei aufgewirbelter Staub könnte auch zu einer vorübergehenden Verdunklung kleinerer Gebiete führen.

Der ukrainische Radioastronom Alexey V. Arkhipov geht in seiner Interpretation jedoch einen entscheidenden Schritt weiter. Schon vor vielen Jahren teilte er mir mit, dass die TLP-Aktivität jeweils während der Apollo-Missionen unabhängig von den Landepunkten deutlich zugenommen habe.

Dazu äußerte er den kühnen Gedanken, auf dem Mond könnten möglicherweise sogar fremde Intelligenzen aktiv sein, die in voller Absicht natürlich anmutende Staubwolken über ihren eigenen technischen Einrichtungen produzierten, um zeitweilig die direkte Sicht darauf zu blockieren und sich damit einer Entdeckung durch die irdischen Neuankömmlinge zu entziehen. Arkhipov sprach vom »Invasions-Effekt«. Da eine beobachtungsbedingte Selektion keine adäquate Erklärung für den Effekt biete, sei dessen »artifizielle« Interpretation einer Diskussion wert, so Arkhipov. Der Forscher favorisiert daher auch die Suche nach Außerirdischen Artefakten auf dem Mond (SAAM) und andere »nicht-klassische« Methoden.

Die NASA begann sich ihrerseits schon recht bald für die mysteriösen Leuchterscheinungen und Veränderungen auf dem Mond zu interessieren und rief in der frühen Apollo-Ära ein eigenesProgramm ins Leben, das Project Moon-Blink genannt wurde. Tatsächlich vermied die US-Raumfahrtbehörde seinerzeit den Begriff »TLP«.

Vor den Apollo-Missionen bestand nämlich dort die Sorge, das Mondprogramm könne wegen der unerklärlichen und möglicherweise bedrohlichen Lichter vielleicht sogar gestrichen werden. Selbstverständlich wollte die NASA insgeheim mehr über das Phänomen in Erfahrung bringen.

Dabei bestätigte sich die Existenz dieser Lichter nur auf ein Neues. Während Apollo 11 wurde die Besatzung dann schließlich selbst Zeuge einer solchen Erscheinung. Als deutsche Astronomen ein TLP bei Aristarchus registrierten, befand sich das Raumschiff bereits im Mondorbit. Bruce McCandless von der Bodenkontrolle Houston funkte die Information an die Astronauten, die das Terrain nun vor Ort überprüfen konnten. Aus den Apollo-Transkripten geht folgende Aussage von Michael Collins hervor:

»Hey, Houston, ich schaue nun in nördliche Richtung zu Aristarchus hinüber, und ich kann auf diese Distanz wirklich nicht sagen, ob ich nun wirklich direkt auf Aristarchus blicke, aber dort gibt es eine Region, die wesentlich stärker erleuchtet ist als das umliegende Gebiet. Es hat einfach – es scheint einen leichten Anteil von Fluoreszenz aufzuweisen. Man kann da einen Krater sehen, und das Areal um den Krater ist ziemlich hell.«

Soweit nur einige knappe Bemerkungen zur spannenden Geschichte der »Moonblinks«. Es dauerte mehr als 400 Jahre, bis diese »Blitze« als reales Phänomen akzeptiert wurden. Sichtungen von Lichtern und Veränderungen auf dem Mond sind also kein Hirngespinst. Das während Apollo 15 und 17 entdeckte »Horizontglühen« hat allerdings wohl kaum etwas mit den berühmten TLPs zu tun,sondern bedarf einer eigenen Erklärung.

Kürzlich widmete sich eine Forschergruppe der Universität von Colorado diesem Rätsel und bestätige nun, dass der Mond von einem großen, schrägen Staubgürtel umgeben ist, von dem zuvor niemand etwas wusste. Das klingt zunächst ganz nach einer Erklärung für das, was die Astronauten der beiden Missionen damals sahen. Doch handelt es sich auch hier um zwei ganz unterschiedliche Paar staubiger Stiefel. Die Apollo-Wolke hat mit dem anderen, erst kürzlich entdeckten Gürtel ganz offenbar gar nichts zu tun.

Um die ursprüngliche Beobachtung zu erklären, hätte nämlich eine dichte Wolke aus winzigen Partikeln mit lediglich einem Zehntel Mikrometer Durchmesser gefunden werden müssen, und zwar in Höhen zwischen etwa 15 und 100 Kilometer über dem Mondboden. Bei der Auswertung von Daten der unbemannten Raumsonde LADEE, die den Mond in den Jahren 2013 und 2014 umkreiste, suchten die Forscher zwar nach Hinweisen auf diese Wolke, fanden dabei aber jene ganz andersartige Staubansammlung. Sie umgibt den Mond in weniger als anderthalb Kilometer Höhe und muss aus Teilchen bestehen, die fünfmal größer sind als erwartet. Von der Apollo-Wolke also keine Spur!

Mihaly Horányi, Physik-Professor an der Colorado-Universität und Studienautor, stellt nur lapidar fest: »Die Wolke, die die Apollo-Sichtungen erklärt hätte, ist mit Gewissheit nicht ständig da.« Er kann nicht erklären, was die Astronauten damals sahen, sondern bietet lediglich eine Theorie fürdas kürzlich aufgespürte Phänomen an: Wenn interplanetare Kleinteilchen die Mondoberfläche mit sehr hoher Geschwindigkeit treffen, sind sie in der Lage, Materie in die Höhe zu schleudern, wo sie eine Wolke bilden. Die Forscher konnten auch feststellen, dass die Dichte jener Wolke anwächst, wenn Meteorschauer aktiv sind.

Von den Eismonden im äußeren Sonnensystem sind solche Vorgänge zwar schon bekannt, doch war den Fachleuten unklar, ob auf einer steinigen und staubigen Oberfläche auftreffende Teilchen sich nicht einfach selbst in der Tiefe begraben und keinerlei Auswurf erzeugen würden. »Aber das ist nicht der Fall«, stellt Horányi nun fest und bestätigt:»Selbst auf dem Mond geht dieser Prozess vonstatten.«

Dass Gesteinsplaneten ohne Lufthülle ebenfalls von solchen Staubzonen umgeben sein können, sei auch für die bemannte Raumfahrt eine wichtige Erkenntnis: Wenn diese Wolken nur dicht genug sind, stellen sie möglicherweise eine Gefahr für Raumschiff und Astronauten dar. Das müsse bei der Planung entsprechender Missionen berücksichtigt werden. Alles schön und gut, aber wie erklärt sich nun das Mysterium der Apollo-Wolken? Zunächst gar nicht. Was die Apollo-Astronauten damals gesehen haben, bleibt weiterhin ungeklärt. Wie so manches, das dort oben noch gesehen wurde.

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